Gedanken zwischen den Welten

 
 

Graz Graz

 

 

Der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Nun ist es also wieder einmal soweit. Ich verlasse meine Heimatstadt zum x-ten Male in meinem Leben. Eine Szene, die nie zur Routine werden wird. Ich stehe auf und schaue aus dem Fenster. Mein Blick kämpft sich zwischen den Lagerhallen der österreichischen Bundesbahnen durch und sucht den Uhrturm, das Wahrzeichen von Graz. Irgendwann wird diese Ansicht vielleicht ganz verbaut sein, so wie sich vieles verändert, wenn ich nicht da bin, aber jetzt sehe ich ihn noch. Ganz still verabschiede ich mich von ihm, mit einem letzten sehnsuchtsvollen Blick. Der Zug wird schneller und fährt mit grosser Geschwindigkeit in die Kurven. Ich setze mich hin. Lustlos blättere ich in den Zeitschriften, die meine Schwester mir mit auf die Reise gegeben hat.
Vis à vis sitzt eine Frau. Sie hat bis jetzt kein einziges Wort gesprochen. Sie kam kurz vor der Abfahrt und hat sich mit viel Hektik in meinem Abteil niedergelassen. Sie wurde nicht verabschiedet. Sie hat gleich ein Buch aus der Tasche genommen und schon zu lesen begonnen, als ich noch den Uhrturm suchte. Sie hat unsere Verabschiedungsszene emotionslos mitverfolgt. Das Klopfen ans Fenster von aussen, die Zeichensprache, mit der ich meiner Schwester noch schnell sagen wollte, dass sie auf sich aufpassen soll; meine Klopfzeichen von innen, mit denen ich wiederum jene meines Vaters erwiderte. Früher konnte man die Zugfenster öffnen, konnte sich in letzter Minute noch einige liebe Worte zurufen, wie zum Beispiel „macht’s gut“ und „bis zum nächsten Mal“; oder man konnte Taschentücher fallen lassen, so wie es mein Vater einmal tat, als wir ihn verabschiedeten. Wir Kinder haben uns darauf gestürzt und es fortan gehütet wie einen grossen Schatz.
Die moderne Technik erlaubt nur noch Klopfzeichen und Zeichensprache, und irgendwie kommt man sich vor wie in einem Käfig; draussen sind die Zoobesucher, und die drinnen machen sich schlicht und einfach zum Affen. Aber so hat sich in meinen Reisejahren viel verändert.
Die Frau vis-à-vis hat eben aufgeschaut und mich angelächelt.
Ich erwidere dieses Lächeln kurz und fange sogleich an, wiederum in den Zeitschriften zu blättern. Diese haben sich nicht verändert. Immer noch die gleichen Themen, die gleich Frauensorgen und dieselben alles versprechenden Schönheitstips. Ich mag mich jetzt nicht informieren, wie ich meine Cellulite loswerde oder wie ich meinem Mann sage, dass unser Leben ein wenig eingleisig geworden ist. Und überhaupt, da, am anderen Ende des Niemandslandes, wartet er auf mich, das ist für den Moment zwangsläufig eingleisig genug.
Sie hebt wieder den Kopf, lächelt mich an, blättert auf die nächste Seite und liest weiter.
Ich lehne den Kopf zurück und lasse die letzten drei Wochen Revue passieren. Drei Wochen Heimat, heimatliche Luft atmen, heimatliche Sprache sprechen, heimatliche Speisen essen und heimatliche Kultur erleben, das ist wie Ferien. Das sind Ferien! Ferien vom Gastsein.

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St. Gallen