Für sie eine Gefahrenzone: Für den Fotografen hat sich Astrid Falk ans
Parfumregal einer Drogerie gewagt.
Bild: Reto Martin
Wittenbach. Lange Zeit hat Astrid Falk nicht gewusst, weshalb sie so oft gereizt, so oft krank war. Inzwischen ist ihr klar, was bei ihr heftige körperliche Reaktionenauslöst: synthetischeDuftstoffe.
Gerold Huber
Sie erträgt kein Parfum, keine Duftkerze, auch nichts an üblicher Kosmetika. Ein Aufenthalt in geschlossenen öffentlichen Räumen kann zur Höllenqual werden. Sie reagiert allergisch auf Alkohol, auf Lebensmittel, die mit Zusatzstoffen behandelt sind, und auf fast alle Süssgetränke. Sie hatte Probleme in einer langjährigen Partnerschaft vor allem auch deshalb, weil sie ihren Lebenspartner nicht mehr riechen konnte. Heute weiss sie weshalb: Nicht sein ureigener Geruch war das Problem, sondern sein Duschgel, sein Parfum und After Shave.
Astrid Falk ist ein Mensch, der an einer Chemikalien-Unverträglichkeit leidet. In der Fachwelt heisst das Phänomen MCS, Multiple Chemical Sensitivity. Die Krankheit ist eine heftige Reaktion des Immunsystems auf Spuren von Chemikalien und Umweltschadstoffen.
Die 48jährige Wittenbacherin sitzt im Café und trinkt ein Glas Coca-Cola. «Das einzige Süssgetränk, das ich ertrage», sagt sie, «obschon mir bewusst ist, dass dies auch nicht das gesündeste Getränk ist.» Aus Gwunder hat sie einmal Coca-Cola Light versucht. Sie ertrug das künstlich gesüsste Produkt nicht. «Die körperliche Reaktion war schlimm.» Dann erzählt sie, was sie kürzlich erlebt hat, als sie mit einer Freundin eine St. Galler Bar besuchte. «Nach einer halben Stunde wurden meine Hände, meine Füsse kalt, ich kriegte einen Schüttelfrost und Herzrhythmusstörungen. Der Grund: Im Raum waren Duftöl-Fläschchen mit Duftstäbchen aufgestellt, sogenannte Aroma-Diffuser. Zwei Wochen lang fühlte sie sich extrem müde, krank, die Schleimhäute waren gereizt, die Muskeln schmerzten. «Ich musste mich tagelang total zurückziehen, denn es mochte gar nichts mehr leiden. Ich befürchtete, mein Kreislauf könnte schlappmachen.»
«Bei Restaurants ist das alles weniger ein Problem», sagt Astrid Falk, «da kann ich jederzeit weggehen. Anders ist es bei einem Arbeitsplatz.» Die kaufmännische Angestellte erzählt, dass ihre Bürokollegen die Körperpflegeprodukte speziell auf sie abgestimmt haben. Und sie schildert, warum sie einen Wunschjob nur deshalb nicht angetreten hat, weil sie erkannte, dass sie auf das Parfum ihres Chefs allergisch reagierte.
Menschliche Kontakte hängen bei Astrid Falk fast ausschliesslich von der Duftverträglichkeit ab. «Kommt eine Person zu Besuch, deren Parfum ich nicht ertrage, packt mich der blanke Horror.» Ein weiteres Problem für Astrid Falk ist die Waschküche im Mehrfamilienhaus, das sie bewohnt. «Oft ertrage ich die Waschmittel meiner Vorgänger nicht.» Einkaufszentren meidet sie wenn möglich. «Oft sind Kosmetikartikel und die Parfumabteilung im Eingangsbereich.» Wenn es nicht anders geht, dann hält sie die Luft an und huscht so schnell wie möglich in eine gefahrenfreie Zone.
Als Parfum verwendet Astrid Falk einzig natürliches Rosenöl, das sie mit Mandelöl mischt.
Jetzt hat die Wittenbacherin ein Buch verfasst, in dem sie ihre Erfahrungen als MCS-Betroffene mitteilt. Der Titel: «Ich kann dich nicht riechen». Es wird in den nächsten Wochen erscheinen. Auch ein Merkblatt ist erschienen. Astrid Falk erwägt zudem, eine Selbsthilfegruppe zu gründen.
«Nicht nur MCS-Kranke sprechen über gereizte Schleimhäute», schreibt Astrid Falk im von ihr verfassten Merkblatt über Chemikalien-Unverträglichkeit (MCS, Multiple Chemical Sensitivity). «Nicht nur sie sprechen über Brennen in den Augen, Husten und Heiserkeit als Erstsymptome. Es gibt immer mehr Menschen, die darunter leiden. Jeden Tag, überall und im Kontakt mit fast allen Dingen des täglichen Lebens werden wir mit Duftstoffen und schädlichen Chemikalien konfrontiert. Sie sind enthalten in Duftkerzen, Räucherstäbchen, Parfums, in Waschmitteln, Weichspülern, Reinigungsmitteln, Lufterfrischern, WE-Beduftern usw. Sie riechen besser als Zigarettenrauch, sind aber genauso schädlich und belasten unseren Organismus. Künstliche Düfte haben deshalb nichts verloren in öffentlichen Gebäuden, Geschäften oder an Orten, wo Lebensmittel angeboten werden.»
Als Auslöser für die Krankheit werden in der Fachliteratur folgende Faktoren genannt: Pestizide in Früchten und im Gemüse, Lösungsmittel in Farben und Lacken, Formaldehyd in Spanplatten, in Möbeln und im Zigarettenrauch, Amalgam in Zahnfüllungen, Holzbehandlungsmittel, Medikamente und synthetische Duftstoffe. (www.mcs-liga.ch). (ger)