TAGBLATT.ch
Regionen | Samstag, 24. Mai 2003

Sehnsucht nach der Urheimat

Die in Wittenbach wohnhafte Astrid Falk-Schober schildert in ihrem ersten Buch Grenzerfahrungen

Wittenbach. Unter dem Titel «Und bin nie wirklich angekommen» hat Astrid Falk ihr Hin- und Hergerissensein zwischen ihrem Herkunftsland Österreich und ihrem Wohnland Schweiz verarbeitet.

Suzana Cubranovic

In der Linken hält sie eine Zigarette, in der Rechten ihr eben erschienenes Buch. Die Frau mit den langen, weich fallenden Haaren gibt auf Fragen praktisch keine Antwort, ohne zuerst in ihrem Buch zu blättern. «Dazu muss ich etwas vorlesen», sagt sie meist. Astrid Falk-Schober ist Wittenbacherin, Schweizerin, Österreicherin, geboren in Graz, der Hauptstadt Steiermarks. Vor über dreissig Jahren kam sie in die Schweiz. Doch die Sehnsucht nach Österreich, der «Urheimat», wie sie sagt, hält bis heute an.

Umzug um Umzug

«Durch Heirat bin ich Schweizerin geworden. Aus Liebe bin ich Österreicherin geblieben», so beschreibt Astrid Falk-Schober im Buch ihren Status. Ihre Eltern liessen sich scheiden, als sie drei Jahre alt war. Danach ist die Mutter mit ihren drei Töchtern oft umgezogen. Als sie dreizehn war, beschloss die Mutter in die Schweiz zu ziehen. Astrid Falk wollte nicht, doch sie musste mit. «Kein Wunder, dass ich hin- und hergerissen bin», bilanziert sie. Die um zwei Jahre ältere Schwester hatte sich geweigert und konnte in Vorarlberg bleiben, ging später aber zurück nach Graz. «Meine jüngere Schwester ist auch Schweizerin geworden», erzählt Astrid Falk. Im Buch heisst es dazu: «Sie ist es auch im Herzen, und trotzdem teilt sie mit mir all meine Empfindungen».

«Groschli und Tschinggen»

In der Schweiz mussten sie lernen, was es heisst, Ausländer zu sein. «Sie nannten uns Groschli», sagt Astrid Falk nachdenklich. Und im Buch schreibt sie: «Aber bald merkten wir auch, dass wir die etwas anderen Ausländer waren.» Groschli zu sein sei besser als «Tschingg», habe man damals gesagt, erzählt sie kopfschüttelnd. «Sie lernte mit den Hänseleien der Kinder und später mit den kleinen Hieben der Erwachsenenwelt zu leben. «In der Schule spielte ich den Clown, war deshalb beliebt. Später münzte ich die Witze auf die Schweizer um und erzählte sie den Österreichern. Es ist ein gewisser Galgenhumor», erzählt Astrid Falk und schmunzelt. Trotz der sprachlichen und geografischen Nähe der zwei Länder seien die Unterschiede gross. Es sei nicht dieselbe Sprache, nicht dieselbe Mentalität, sagt sie.

Geschichten und Gedichte

«Und bin nie wirklich angekommen» besteht aus drei Teilen. Im ersten finden sich kurze Geschichten aus der Kindheit. Es folgen Gedichte und Kurzgeschichten, auch solche zum Schmunzeln, und im letzten Teil werden die Fragen beantwortet, die im ersten aufgewühlt werden. Astrid Falks Wunsch nach Ankommen dringt durch und durch. «Es ist weder ein Angriff auf die Schweizer noch auf die Österreicher», erklärt sie. Sie habe das Buch mit einem Augenzwinkern geschrieben. Es symbolisiere ihre innere Unruhe und die Sehnsucht nach der Urheimat, die sie nie hatte. «So richtig schreiben tu ich seit etwa zwanzig Jahren», sagt Astrid Falk. Sie schrieb für sich. Fantasie und Wirklichkeit verwob sie in Gedichten und Kurzgeschichten. «Tagebücher mochte ich nicht», sagt sie. Ihr Vater, auch Schriftsteller, im Krieg erblindet, hatte sie ermuntert, ihre Texte an einen Deutschen Verlag zu schicken. Das tat sie denn auch. Seither sind einige ihrer Geschichten und Gedichte in Sammelwerken verschiedener Autoren erschienen. 1997 erschien ein Gemeinschaftswerk von Vater und Tochter. «Ich ersetzte sozusagen seine Augen», erzählt Astrid Falk.

Alte und neue Heimat

Die Autorin arbeitet teilzeitlich in einem Anwaltsbüro, lebt mit ihrem Mann in einem Mehrfamilienhaus auf dem Wittenbacher Dorfhügel. Sie sagt: «Mein Mann ist Schweizer, inzwischen ist er aber auch Österreicher geworden.» So oft sie können besuchen sie die Steiermark. «Wenn ich in Graz aus dem Auto steige, habe ich ein Gefühl von Urheimat», erklärt Astrid Falk mit glänzenden Augen.

Das Buch ist im Eigenverlag erschienen, frühere Texte im Frieling Verlag, Berlin. (E-mail: astridur@freesurf.ch)

Artikel drucken | Artikel versenden | Artikel bewerten
Fenster schliessen
Copyright © St.Galler Tagblatt AG