Sehnsucht nach der Urheimat
Die in Wittenbach wohnhafte Astrid Falk-Schober schildert in ihrem ersten Buch
Grenzerfahrungen
Wittenbach. Unter dem Titel «Und bin nie
wirklich angekommen» hat Astrid Falk ihr Hin-
und Hergerissensein zwischen ihrem Herkunftsland Österreich und ihrem
Wohnland Schweiz verarbeitet.
Suzana Cubranovic
In der Linken hält sie eine Zigarette, in der
Rechten ihr eben erschienenes Buch. Die Frau mit den langen, weich
fallenden Haaren gibt auf Fragen praktisch keine Antwort, ohne zuerst in
ihrem Buch zu blättern. «Dazu muss ich etwas vorlesen», sagt sie meist.
Astrid Falk-Schober ist Wittenbacherin,
Schweizerin, Österreicherin, geboren in Graz, der Hauptstadt Steiermarks.
Vor über dreissig Jahren kam sie in die Schweiz. Doch die Sehnsucht nach
Österreich, der «Urheimat», wie sie sagt, hält bis heute an.
Umzug um Umzug
«Durch Heirat bin ich Schweizerin geworden.
Aus Liebe bin ich Österreicherin geblieben», so beschreibt Astrid Falk-Schober im Buch ihren Status. Ihre Eltern
liessen sich scheiden, als sie drei Jahre alt war. Danach ist die Mutter
mit ihren drei Töchtern oft umgezogen. Als sie dreizehn war, beschloss die
Mutter in die Schweiz zu ziehen. Astrid Falk
wollte nicht, doch sie musste mit. «Kein Wunder, dass ich hin- und
hergerissen bin», bilanziert sie. Die um zwei Jahre ältere Schwester hatte
sich geweigert und konnte in Vorarlberg bleiben, ging später aber zurück
nach Graz. «Meine jüngere Schwester ist auch Schweizerin geworden»,
erzählt Astrid Falk. Im Buch heisst es dazu:
«Sie ist es auch im Herzen, und trotzdem teilt sie mit mir all meine
Empfindungen».
«Groschli und Tschinggen»
In der Schweiz mussten sie lernen, was es
heisst, Ausländer zu sein. «Sie nannten uns Groschli», sagt Astrid Falk nachdenklich. Und im Buch schreibt sie:
«Aber bald merkten wir auch, dass wir die etwas anderen Ausländer waren.»
Groschli zu sein sei besser als «Tschingg», habe man damals gesagt,
erzählt sie kopfschüttelnd. «Sie lernte mit den Hänseleien der Kinder und
später mit den kleinen Hieben der Erwachsenenwelt zu leben. «In der Schule
spielte ich den Clown, war deshalb beliebt. Später münzte ich die Witze
auf die Schweizer um und erzählte sie den Österreichern. Es ist ein
gewisser Galgenhumor», erzählt Astrid Falk und
schmunzelt. Trotz der sprachlichen und geografischen Nähe der zwei Länder
seien die Unterschiede gross. Es sei nicht dieselbe Sprache, nicht
dieselbe Mentalität, sagt sie.
Geschichten und Gedichte
«Und bin nie wirklich angekommen» besteht aus
drei Teilen. Im ersten finden sich kurze Geschichten aus der Kindheit. Es
folgen Gedichte und Kurzgeschichten, auch solche zum Schmunzeln, und im
letzten Teil werden die Fragen beantwortet, die im ersten aufgewühlt
werden. Astrid Falks Wunsch nach Ankommen dringt durch und durch. «Es ist
weder ein Angriff auf die Schweizer noch auf die Österreicher», erklärt
sie. Sie habe das Buch mit einem Augenzwinkern geschrieben. Es
symbolisiere ihre innere Unruhe und die Sehnsucht nach der Urheimat, die
sie nie hatte. «So richtig schreiben tu ich seit etwa zwanzig Jahren»,
sagt Astrid Falk. Sie schrieb für sich.
Fantasie und Wirklichkeit verwob sie in Gedichten und Kurzgeschichten.
«Tagebücher mochte ich nicht», sagt sie. Ihr Vater, auch Schriftsteller,
im Krieg erblindet, hatte sie ermuntert, ihre Texte an einen Deutschen
Verlag zu schicken. Das tat sie denn auch. Seither sind einige ihrer
Geschichten und Gedichte in Sammelwerken verschiedener Autoren erschienen.
1997 erschien ein Gemeinschaftswerk von Vater und Tochter. «Ich ersetzte
sozusagen seine Augen», erzählt Astrid Falk.
Alte und neue Heimat
Die Autorin arbeitet teilzeitlich in einem
Anwaltsbüro, lebt mit ihrem Mann in einem Mehrfamilienhaus auf dem
Wittenbacher Dorfhügel. Sie sagt: «Mein Mann ist Schweizer, inzwischen ist
er aber auch Österreicher geworden.» So oft sie können besuchen sie die
Steiermark. «Wenn ich in Graz aus dem Auto steige, habe ich ein Gefühl von
Urheimat», erklärt Astrid Falk mit glänzenden
Augen.
Das Buch ist im Eigenverlag erschienen,
frühere Texte im Frieling Verlag, Berlin. (E-mail:
astridur@freesurf.ch)